Du stehst vor einem Motiv, das Licht verändert sich, und plötzlich ist die Frage da: Welche Blende? Wie lang darf ich belichten? Reicht ISO 800 noch? Genau für diese Momente ist dieser Fotografie Spickzettel gedacht. Er fasst die wichtigsten Werte, Faustregeln und Einstellungen so zusammen, dass du sie unterwegs in Sekunden findest.
In meinen Smartphone- und Kamera-Workshops sehe ich immer wieder dasselbe: Das Wissen ist eigentlich da, aber im entscheidenden Moment fehlt der schnelle Zugriff. Deshalb sind die Inhalte hier bewusst knapp gehalten – Tabellen statt Theorie. Wenn du ein Thema vertiefen willst, findest du bei jedem Abschnitt den passenden Grundlagenartikel.
Tipp: Speichere dir diese Seite als Lesezeichen auf dem Smartphone oder mach dir Screenshots der Tabellen. So hast du den Spickzettel auch ohne Empfang dabei.
Belichtungsdreieck: Die drei Stellschrauben
Jede Belichtung entsteht aus drei Werten: Blende, Verschlusszeit und ISO. Veränderst du einen Wert um eine volle Stufe, musst du einen anderen um eine Stufe ausgleichen, damit die Helligkeit gleich bleibt. Eine Stufe bedeutet immer: doppelt oder halb so viel Licht. Ausführlich erklärt ist das im Beitrag Belichtungsdreieck einfach erklärt.
| Wert | Steuert Licht über | Kreative Wirkung | Nebenwirkung |
|---|---|---|---|
| Blende (f-Zahl) | Öffnung im Objektiv | Schärfentiefe | Kleine f-Zahl = wenig Schärfentiefe |
| Verschlusszeit | Dauer der Belichtung | Bewegung einfrieren oder verwischen | Lange Zeit = Verwacklungsgefahr |
| ISO | Verstärkung des Sensorsignals | Kaum kreativ | Hohe ISO = mehr Bildrauschen |
Volle Stufen auf einen Blick
| Stufe | Blende | Verschlusszeit | ISO |
|---|---|---|---|
| mehr Licht | f/1.4 | 1/30 s | 3200 |
| f/2 | 1/60 s | 1600 | |
| f/2.8 | 1/125 s | 800 | |
| f/4 | 1/250 s | 400 | |
| f/5.6 | 1/500 s | 200 | |
| weniger Licht | f/8 | 1/1000 s | 100 |
Lies die Tabelle so: Von f/4 auf f/2.8 kommt doppelt so viel Licht auf den Sensor. Damit kannst du die Verschlusszeit von 1/250 s auf 1/500 s verkürzen oder die ISO von 400 auf 200 senken.
Blende: Welche f-Zahl für welches Motiv?
Die Blende entscheidet vor allem darüber, wie viel im Bild scharf ist. Kleine f-Zahl heisst grosse Öffnung, viel Licht und wenig Schärfentiefe. Grosse f-Zahl heisst kleine Öffnung, wenig Licht und viel Schärfentiefe. Mehr dazu im Artikel Blende einfach erklärt.
| Motiv | Empfohlene Blende | Warum |
|---|---|---|
| Einzelporträt mit unscharfem Hintergrund | f/1.4 – f/2.8 | Person hebt sich klar ab |
| Porträt mit zwei Personen | f/2.8 – f/4 | Beide Gesichter bleiben scharf |
| Gruppenfoto | f/5.6 – f/8 | Mehrere Reihen in der Schärfe |
| Landschaft und Architektur | f/8 – f/11 | Vorder- bis Hintergrund scharf, beste Abbildungsleistung |
| Produkt und Detail | f/8 – f/16 | Genügend Tiefe bei kurzer Distanz |
| Nachtaufnahme mit Sternen | so offen wie möglich | Maximales Licht |
Ab etwa f/16 nimmt die Gesamtschärfe durch Beugung wieder ab. Wenn du maximale Schärfentiefe brauchst, ist f/11 meist der bessere Kompromiss. Wie Blende, Fokus und Schärfentiefe zusammenhängen, liest du in Blende, Fokus, Schärfentiefe.
Verschlusszeit: Bewegung einfrieren oder zeigen
Die Verschlusszeit bestimmt, wie Bewegung im Bild aussieht – sowohl die des Motivs als auch deine eigene.
Faustregel gegen Verwackeln
Fotografierst du aus der Hand, sollte die Verschlusszeit mindestens 1 geteilt durch die Brennweite betragen. Bei Kameras mit kleinerem Sensor rechnest du die Brennweite mit dem Cropfaktor um.
- 50 mm an Vollformat: mindestens 1/50 s
- 50 mm an APS-C (Cropfaktor 1.5): mindestens 1/80 s
- 200 mm an Vollformat: mindestens 1/200 s
Ein Bildstabilisator im Objektiv oder in der Kamera verschafft dir je nach System mehrere Stufen Spielraum. Er hilft aber nur gegen deine Bewegung, nicht gegen die des Motivs.
Richtwerte nach Motiv
| Motiv | Verschlusszeit |
|---|---|
| Fliessendes Wasser seidig weich | 1/2 s bis mehrere Sekunden (Stativ) |
| Mitzieher bei Velo oder Auto | 1/30 – 1/60 s |
| Spaziergänger, ruhige Porträts | 1/125 – 1/250 s |
| Kinder und Hunde in Bewegung | 1/500 – 1/1000 s |
| Sport, z. B. Fussball | ab 1/1000 s |
| Vögel im Flug | ab 1/2000 s |
Tipps speziell für das Spielfeld findest du im Beitrag zur Fussballfotografie.
ISO: So viel wie nötig, so wenig wie möglich
ISO ist die letzte Stellschraube. Erhöhe sie erst, wenn Blende und Verschlusszeit ausgereizt sind. Moderne Kameras liefern auch bei hohen Werten brauchbare Ergebnisse – wie weit du gehen kannst, hängt stark von deinem Sensor ab. Teste deine eigene Schmerzgrenze einmal bewusst, dann weisst du es im Ernstfall. Mehr im Artikel ISO-Wert einfach erklärt.
| Lichtsituation | ISO-Bereich |
|---|---|
| Sonniger Tag draussen | 100 – 200 |
| Bewölkt oder im Schatten | 200 – 800 |
| Heller Innenraum | 800 – 1600 |
| Dämmerung, Kirche, Konzert | 1600 – 6400 |
| Sternenhimmel | 3200 – 6400 |
Sunny-16-Regel
Für einen sonnigen Tag ohne Belichtungsmesser gilt: Blende f/16, Verschlusszeit gleich 1 geteilt durch den ISO-Wert. Bei ISO 100 also f/16 und 1/100 s (oder die nächste Stufe 1/125 s). Von dieser Basis aus kannst du in Stufen umrechnen, etwa auf f/8 und 1/500 s.
Weissabgleich: Kelvin-Werte zum Nachschlagen
Der Weissabgleich sorgt dafür, dass Weiss auch weiss aussieht. Im RAW-Format kannst du ihn später verlustfrei anpassen, bei JPEG solltest du ihn schon in der Kamera richtig setzen. Hintergründe im Artikel Weissabgleich einfach erklärt und zur Formatfrage in RAW vs. JPG.
| Lichtquelle | Farbtemperatur ca. |
|---|---|
| Kerzenlicht | 1900 K |
| Glühbirne, warmes LED | 2700 – 3200 K |
| Sonnenauf- und -untergang | 3000 – 4000 K |
| Tageslicht Mittag | 5200 – 5500 K |
| Blitz | ca. 5500 K |
| Bewölkter Himmel | 6000 – 6500 K |
| Schatten bei blauem Himmel | 7000 – 8000 K |
Brennweite: Welches Objektiv wofür?
Die Brennweite bestimmt Bildwinkel und Perspektive. Die Angaben beziehen sich auf Vollformat. Vertiefung im Beitrag Brennweite einfach erklärt.
| Brennweite | Typischer Einsatz |
|---|---|
| 14 – 24 mm | Landschaft, Architektur, Innenräume |
| 35 mm | Reportage, Street, Umgebungsporträt |
| 50 mm | Allrounder, natürliche Perspektive |
| 85 – 135 mm | Klassisches Porträt, schmeichelhafte Proportionen |
| 200 mm und mehr | Sport, Tiere, Details aus der Distanz |
Einstellungen für typische Situationen
Diese Werte sind Startpunkte, keine Gesetze. Mach ein Testbild, prüfe das Histogramm und korrigiere dann.
| Situation | Modus | Blende | Zeit | ISO |
|---|---|---|---|---|
| Porträt draussen | A / Av | f/2 – f/2.8 | ab 1/250 s | 100 – 400 |
| Gruppenfoto | A / Av | f/5.6 – f/8 | ab 1/200 s | 100 – 800 |
| Landschaft mit Stativ | A / Av | f/8 – f/11 | automatisch | 100 |
| Sport und Action | S / Tv | offen | ab 1/1000 s | Auto-ISO |
| Langzeitbelichtung Wasser | M | f/8 – f/11 | 1 – 30 s mit ND-Filter | 100 |
| Blaue Stunde Stadt | M | f/8 | 2 – 15 s | 100 |
| Feuerwerk | M oder Bulb | f/8 – f/11 | 2 – 8 s | 100 |
| Milchstrasse | M | f/1.8 – f/2.8 | 15 – 25 s | 3200 – 6400 |
Die blaue Stunde dauert nach Sonnenuntergang meist nur 20 bis 40 Minuten. In Luzern lohnt es sich, schon vorher am Seeufer oder bei der Kapellbrücke aufgebaut zu haben – wenn die Lichter der Altstadt angehen und der Himmel noch tiefblau ist, bleibt nicht viel Zeit für die Suche nach dem Standort. Für Bilder mit langen Zeiten findest du alles Weitere im Artikel zur Langzeitbelichtung.
ND-Filter umrechnen
| Filter | Stufen | Aus 1/125 s wird ca. |
|---|---|---|
| ND8 | 3 | 1/15 s |
| ND64 | 6 | 1/2 s |
| ND1000 | 10 | 8 s |
500er-Regel für Sterne
Damit Sterne punktförmig bleiben, teilst du 500 durch die Brennweite (mal Cropfaktor). Bei 20 mm an Vollformat ergibt das maximal 25 Sekunden. Bei hochauflösenden Sensoren ist die Regel eher grosszügig – wähle die Zeit lieber etwas kürzer.
Bildkomposition in fünf Regeln
Technik sorgt für ein korrekt belichtetes Bild, Komposition für ein gutes. Diese fünf Punkte decken das meiste ab:
- Drittelregel: Platziere das Hauptmotiv auf einer der Drittellinien statt in der Mitte.
- Führende Linien: Wege, Ufer oder Geländer führen den Blick ins Bild.
- Vordergrund: Ein Element im Vordergrund gibt Landschaften Tiefe.
- Rand prüfen: Kontrolliere vor dem Auslösen die Bildränder auf störende Elemente.
- Augenhöhe wechseln: Geh in die Knie oder such einen erhöhten Standpunkt.
Ausführlich mit Beispielen: Bildkomposition: Goldener Schnitt und Drittelregel.
Checkliste vor jedem Shooting
Die meisten verpassten Bilder scheitern nicht an der Technik, sondern an Kleinigkeiten. Diese Liste gehe ich vor jedem Auftrag durch:
- Akkus geladen, Ersatzakku eingepackt
- Speicherkarten formatiert, Ersatzkarte dabei
- ISO, Weissabgleich und Belichtungskorrektur vom letzten Einsatz zurückgesetzt
- Bildformat geprüft (RAW, JPEG oder beides)
- Objektive und Sensor sauber
- Wetter und Sonnenstand für den Ort geprüft
- Bei Kundenaufträgen: Shotlist und Ansprechperson vor Ort bekannt
Für Porträts lohnt sich zusätzlich der Blick in die Porträtfotografie-Tipps, für mehrere Personen die Tipps zu Gruppenfotos.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was gehört auf einen Fotografie Spickzettel?
Die wichtigsten Werte für Blende, Verschlusszeit und ISO, Richtwerte für typische Motive, Kelvin-Werte für den Weissabgleich, Faustregeln wie die Sunny-16- oder 500er-Regel und eine kurze Checkliste vor dem Shooting.
Welche Einstellung ist für Anfänger am besten?
Starte mit der Zeitautomatik (A oder Av). Du wählst die Blende für die gewünschte Schärfentiefe, die Kamera passt die Verschlusszeit an. Kontrolliere, dass die Zeit nicht zu lang wird, und erhöhe sonst die ISO.
Wie verhindere ich verwackelte Fotos?
Halte die Verschlusszeit mindestens bei 1 geteilt durch die Brennweite, bei Crop-Kameras multipliziert mit dem Cropfaktor. Ein Bildstabilisator gibt zusätzlichen Spielraum, hilft aber nicht gegen Bewegung des Motivs.
Welche Blende für scharfe Landschaftsfotos?
Meist f/8 bis f/11. Dort sind die meisten Objektive am schärfsten und die Schärfentiefe reicht vom Vorder- bis zum Hintergrund. Ab etwa f/16 sinkt die Schärfe durch Beugung.
Was ist die Sunny-16-Regel?
Bei Sonnenschein belichtest du mit Blende f/16 und einer Verschlusszeit von 1 geteilt durch den ISO-Wert, also bei ISO 100 etwa 1/100 oder 1/125 Sekunde. Von dort kannst du stufenweise auf andere Kombinationen umrechnen.